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Sagen

1089. Das Zigeunergrab bei Weißenstadt

1089. Das Zigeunergrab bei Weißenstadt.

Von J. V. W. Seybold.

In der Winternächte Grauen,
Wenn die Flocken niederfallen,
Sieht man Kinder, Männer, Frauen
Dort hinan den Hügel wallen.

Aermliche Gewänder fliegen
Um die magern, schlanken Leiber
Und den nackten Säugling wiegen
Tiefbesorgt die braunen Weiber.

Trauernd lassen sie sich nieder
Um ein schnell geschürtes Feuer.
Es ertönen Klagelieder;
Melancholisch klingt die Leyer.

Färbt das Morgenlicht die Matten,
Dann wird ringsum tiefes Schweigen.
In die Hügel sieht als Schatten
Man darauf die Wesen steigen.

In dem stillen Löstengrunde
Hat man diese Schaar erschlagen
Und dann in der Abendstunde
Auf die Höhe dort getragen.

Einmal jährlich steigen nieder
Auf den Schreckensplatz die Todten –
Und dann geht's zur Höhe wieder
In den ungeweih'ten Boden.

Quelle: Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 136.