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Sagen

1137. Das Gießweibchen

1137. Das Gießweibchen.

Mündlich.

Seitwärts von der sogenannten Westermühle und der Schleife ist eine Wehr, durch die das Wasser, welches die Mühlwerke nicht nöthig haben, abfließt. Man nennt sie die Gieß. Dort wohnt zwischen den Wasserbauten in den Wellen das Gießweibchen. Dieses verläßt manchmal seine traurige Behausung und zieht durch die Westervorstadt auf den Kappellenbuck, und von da zwischen zwei Paaren hintereinander gelegener Mühlen hindurch auf die Hauptstraße, auf welcher es wieder zurückkehrt. Auf ihrer Wanderschaft klagt und heult das Weiblein so, daß Alle, die sie hören, darob vor Furcht erstarren. Sie soll eine Müllerin gewesen sein, die das siebente Gebot nicht beachtete. Ein Freund des Erzählers, sonst kein Mann von übermäßiger Gläubigkeit, betheuert heilig, das grauenhafte Weib selbst gehört zu haben.

Quelle: Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 170-171.