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Sagen

204. Der Zobtenberg in Schlesien

204. Der Zobtenberg in Schlesien.

(S. Goth. Henr. Burghart, Iter Sabothicum d. i. ausführliche Beschreibung einiger im Jahre 1733 auf den Zothen-Berg gethanen Reisen. Breslau und Leipzig 1736 in 8°. Schles. Histor. Labyrinth S. 715. Abr. v. Frankenberg bei Fibiger's Comment. zur Silesia Renovata c. II. § 13 p. 141 etc. Müller, Vaterl. Bilder S. 56 etc.)

Der Zobten- oder Zothenberg, lateinisch auch mons Sabothus oder mons Silensis genannt, liegt 5 Meilen von Breslau und 2 von Schweidnitz und man sieht, wenn es hell ist, oben von seiner Höhe aus den größten Theil Schlesiens um ihn herum ausgebreitet liegen, an der einen Seite die Städte Breslau, Schweidnitz, Striegau, Jauer und Liegnitz, an der andern Reichenbach, Frankenstein, Nimptsch, Strehlen, Münsterberg, Brieg und Neisse, sowie eine sehr große Anzahl Dörfer, unten aber in der Ebene schlängelt sich die Oder wie eine silberne Kette dahin. Von diesem Berge giebt es nun aber verschiedene Sagen.

Auf diesem Berge hat nun bereits 1103 ein Schloß gestanden, welches unter andern im Jahre 1296 von dem Herzog von Schweidnitz Bolco bewohnt ward. Nachgehens hat dasselbe ums Jahr 1428 ein Hussitischer Hauptmann, Hans Cholda, eingenommen und sich desselben als Raubnest gegen das umliegende Land bedient. Sein Andenken lebt noch jetzt unter dem Volke, indem man von ihm unter dem Namen »Hammerschlag« berichtet, er habe stets einen großen eisernen Hammer in seinem Gürtel getragen, mit dem er jedem Gefangenen, den seine Raubgesellen einbrachten, durch drei Schläge den Kopf zerschmettert und sich dann an den gräßlichen Todesqualen des langsam Verscheidenden geweidet. Um nun diesen großen Räubereien ein Ziel zu setzen, vereinigten sich die Breslauer und Schweidnitzer, erstürmten am 7. Juni 1429 die Burg und reinigten sie von den Räubern. Dennoch fand sich nicht lange nachher hier abermals eine Räuberbande ein, die ein gewisser Dietrich von During befehligte und meist aus Adeligen, Verwandten desselben, zusammengesetzt war. Diese machten die ganze Gegend unsicher, so daß Niemand mehr die an den Bergen vorbeiführenden Straßen zu passiren wagte. Darauf sind die Bürger von Breslau und Schweidnitz unter der Anführung eines Bruders des Königs Wladislas, Sigismund Jagello, nochmals vor das Schloß gezogen und haben es mit Hilfe der großen Schweidnitzer Donnerbüchse eingenommen und gänzlich zerstört. Auf diesem Berge sollen nun verschiedene Höhlen sein1. So erzählte dem Dr. Burghart, als er den Zobten bereiste, eine glaubwürdige Person, daß sie vor einigen Jahren, als sie an einem Wallfahrtstage oben auf dem Berge gewesen und wegen besonderer Ursachen einen Ort gesucht, wo sie auf einige Augenblicke hätte allein sein können, in eine solche weite geräumige, ziemlich lichte, hinten zu etwas finstere und allem Anschein nach weit hineingehende Grotte oder Höhle von ohngefähr gerathen sei, die ohnweit von dem darauf befindlichen Brunnen nach der Abendseite zu gewesen sein müsse.

Eine andere merkwürdige Geschichte ist aber auf den Bericht gegründet, welchen ein sechzigjähriger Arzt, Johann Springer, im Jahre 1624 mündlich von den Erlebnissen seines Lehrers, eines Naturphilosophen Johannes Beer aus Schweidnitz († 1600) machte und die letzterer übrigens auch in der Vorrede zu einem zu Amsterdam im Jahre 1639 in Duodez gedruckten Büchlein »Gewinn und Verlust himmlischer Güter« betitelt (Bl. 10 und 11), veröffentlicht hat.

Dieser Johann Beer ist im Jahre 1570 auf dem Zobtenberge spazieren gegangen und hat über die wunderbaren Wirkungen Gottes in der Natur Betrachtungen angestellt. Da hat sich ihm an einer Stelle des Berges ein sonderbarer Eingang geöffnet, in welchen er sich aus Neugierde hineinbegeben hat. Indem er nun immer weiter darin fortgeschritten, ist ihm ein gewaltiger Wind entgegen gekommen und es hat ihn ein kalter Schauer überlaufen, also daß er sich gefürchtet hat und wieder umgekehrt ist. Da er nun ohnedies, weil es vor Ostern war, sich mit dem theuern Blute Christi zu stärken beschlossen, hat er sich mit herzlichem Gebete an Gott gewendet, ihm solche unbekannten Wunder nochmals zu zeigen, ihn aber auch vor böser Versuchung dabei gnädig zu behüten. Er macht sich also den Sonntag Quasimodogeniti wiederum nach dem Berge auf den Weg, sucht und findet den vorigen Eingang, geht getrost hinein, kommt in einen sehr engen Gang zwischen zwei steinernen Wänden (wie denn in diesem Berge auch ein schöner grün und weiß gesprengter Marmor gebrochen wird), da die Fahrt bald hoch, bald niedrig, bald enge, bald weit ist und endlich in eine oben und unten gleich lange Galerie sich zieht und ausgeht. In diesem Gange kommt ihm nun aber nicht, wie zuvor, ein grausamer Wind, sondern ein lichter Schein gleichsam durch eine Kluft entgegen. Dem geht er nach bis zu einer verschlossenen Thüre mit einer eingeschnittenen Glasscheibe, wodurch gedachter verborgener Lichtstrahl den engen finstern Gang wunderlich erleuchtet.

Beer klopfte zu dreien verschiedenen Malen an, worüber gedachte Thüre geöffnet wurde. Da sieht er mit Verwunderung drei lange ganz abgemagerte Männer um einen runden Tisch einander gegenüber sitzen; sie trugen altdeutsche oder spanische Baretts auf den Häuptern, sahen zitterig und sehr trübselig aus, hatten auch ein schwarzsammtnes mit Gold beschlagenes Buch vor sich auf dem Tische, also daß manchem Herzhaften wohl der Muth entfallen wäre. Unser Gottesmann aber schreitet im Namen Gottes mit unerschrockenem Geiste zu ihnen über die Schwelle dieser Höhle hinein, steht still und spricht: »Pax vobiscum (Friede sei mit Euch).« Sie antworten: »Hic nulla pax (hier ist kein Friede).« Er thut den andern Schritt und spricht: »Pax vobiscum in nomine Domini (Friede sei mit Euch im Namen des Herrn).« Sie erzittern sehr, sagen jedoch mit halber Stimme: »Hic non pax (hier ist nicht Friede).« Er thut nun den dritten Schritt bis nahe an den Tisch und spricht: »Pax vobiscum in nomine Domini Jesu Christi (Friede sei mit Euch im Namen unseres Herrn Jesu Christi).« Sie verstummen mit großem Schrecken, Furcht und Zittern, legen ihm darauf das schwarze Buch vor, das macht er auf, besieht den Titel, der lautet: Liber obedientiae (das Buch des Gehorsams). Ob nun obedientia spirituum, der Noth- oder Gehorsamszwang der Geister, oder was anderes darin begriffen, hatte Beer nicht vernommen. Darauf fragt er sie, wer sie wären. Sie sagen, sie kenneten sich selber nicht. Er fragt weiter, was sie an diesem Orte machten? Sie antworten, sie erwarteten mit Schrecken das große und strenge Gericht Gottes zu empfahen, was ihre Thaten werth seien. Er fragt, was sie bei Lebzeiten gewirkt? Sie zeigen auf einen Vorhang, dahinter werde er die Zeichen und Zeugen ihrer Handlungen finden.

Er zieht den Vorhang beiseite, sieht eine große Menge von allerlei mörderischen Waffen, auch alte theils halb theils ganz verwesete Materien von unterschiedenen Dingen gleich einem Meßkram oder Jahrmarktwaaren, sammt etlichen Menschengebeinen und Hirnschädeln, dergleichen im Stifte Cölln vor Zeiten bei einem Hauptmörder, welcher 960 Morde begangen und der es bis 1000 hat bringen wollen, in einem hohlen Berge gefunden worden. Woraus erscheint, daß ihnen ihre Werke nachgefolgt und sie Räuber und Mörder gewesen, wie auch die Historien in der Schlesischen Chronica vom Zobtenberge und dem darauf zerstörten Raubschlosse, sammt andern glaubwürdigen Denkzeichen noch heut zu Tage bezeugen und ausweisen. Da fragt sie Beer ferner, ob sie sich zu solchen Werken bekennten? Sie sagen: »Ja.« Darauf sagt er, ob es gute oder böse Werke wären? Sie sprechen: »böse.« Er fragt dann weiter, ob es ihnen leid sei, daß sie solche böse Werke gethan? Sie antworten nichts, zittern nur. Er fragt nun weiter, ob sie bekennten, daß sie hätten gute Werke thun sollen? Sie antworten: »Ja.« Er fragt dann weiter, ob sie auch noch gute Werke thun und wieder gut sein wollten? Sie antworten, sie wüßten es nicht. Beer redet ihnen nun weiter zu, da sie doch unser Herrgott zum Guten und nicht zum Bösen erschaffen, sie aber das Gute verlassen und sich zum Bösen gewendet hätten, so könnten sie auch wieder vom Bösen zum Guten kommen, so sie nur das Begehren hätten wieder gut zu werden und zu Gott zu kommen. Sie wurden zwar darüber bestürzt, fanden auch etwas Aenderung in sich selbst, standen aber in Zweifel und Unwissenheit, ob sie wollten oder könnten. Weil nun aber unterdessen die Stunde der Offenbarung verlaufen war und die Zeit zum Weggehen gekommen, ließ Beer die gedachten drei Männer auf weiteres Besinnen beisammen, zeigte ihnen auch den Weg Gottes und nahm Abschied von ihnen mit dem Vermelden, wenn es dem Herrn seinem Gott gefällig sei, werde er über acht Tage wiederkommen und geht dann im Namen Gottes wieder aus dieser Höhle des Zobtenberges in den hellen Tag hinaus. Ob er aber über acht Tage wieder in den Berg gegangen, hat obgedachter Johann Springer nicht erzählt, wohl aber hat Johann Beer's hinterlassene Wittwe, eine ehrliche Frau, von diesen und andern Dingen Wissenschaft getragen und gegen ihren Schwiegersohn, einen evangelischen Prediger zu Adelsbach geäußert, daß außer andern Sachen in selbiger Wunderhöhle auch noch ein schönes Positiv mit in Silber vergoldeter Claviatur gestanden, auf welchem er, Johann Beer, zu verschiedenen Malen solle gespielt und also ferner mit diesen verschlossenen und verbannten Geistern solle geredet haben. Auch berichtete sie, sie habe oft bei Nacht einen lichten Schein neben ihrem Bette gesehen, vor welchem sie sich zwar erstlich entsetzt, aber von ihrem Manne berichtet worden sei, sie solle sich nicht fürchten, denn es wären die heiligen Schutzengel Gottes, welche durch ernstlich anhaltendes Gebet ihnen zum Dienste und Troste von Gott gegeben, ihre Nachtwache nicht ohne heimlich und heiliges Gespräch von Gott und seinem Worte allda versorgten.

Ein anderes Mal2 ist ein Bauerjunge gegen das Ende des 17. Jhdts. auf dem Zobtenberge herumgekrochen und hat Vogelnester gesucht. Wie er nun in eine wilde wüste Steinrücke kommt, so sieht er eine Höhle mit einer offenstehenden Thüre, jene ist sehr groß, zwar nicht ganz finster, geht aber doch weit in den Berg hinein. Da fing er an sich zu fürchten, blieb stehen, sah sich ganz erschrocken um und bedachte sich, was er thun sollte. Weil er aber merkte, daß er ohne Schwierigkeiten hinein konnte, und auch Niemanden dabei gewahr ward, der ihm den Weg verrennt hätte, so ging er getrost hinein und durchstenkerte alle Winkel. Er stutzte aber gewaltig, als er einen erschrecklich großen Haufen ganz frei daliegendes und von keiner Seele bewachtes Gold und Geld antraf. Da hättet Ihr sehen sollen, wie er zugegriffen hat, er steckte und stopfte sich alle Schubsäcke voll und ging mit der guten gemachten Beute wieder glücklich hinaus. Er war so voller Freuden, daß er sich nicht einmal die in der Gegend befindlichen Sträucher oder Bäume zeichnete, sondern sich auf andere bekannte Wahrzeichen verließ, weswegen er auch, als er nachgehens diese Höhle etliche Male wieder suchte, dieselbe nicht finden konnte, sondern allemal unverrichteter Sache wieder fortgehen mußte.

Ein anderes Mal3 hat ein blödsichtiger Mann, ingleichen ein unmündiges Mädchen eine sonderbare Thüre in dem Berge gesehen, sie sind in selbige, die offen stand, hineingegangen, von einem alten bärtigen Manne herausgeführt und zuletzt mit einem Aste voll Kirschen oder Pflaumen beschenkt worden, welche, da diese einfältigen Leute aus dem Berge wiederum fortgegangen, und ihre Geschenke betrachtet, von gediegenem Golde gewesen sind; worauf einige goldbegierige Bürger diese Thüre gesucht, aber nichts mit ihrem vergeblichen Graben ausgerichtet haben.

Fußnoten

1 S. Burghart S. 83 etc.

2 S. Burghart S. 99.

3 S. Schles. histor. Labyrinth S. 731.

Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 223-226.